Anne Cherel
"Tanz für Alle!"
Anne Cherel lebt und arbeitet als Pädagogin, Tänzerin und DanceAbility Master Teacher in Trier. Seit 2002 engagiert sie sich vielseitig im Ensemble BewegGrund Trier als Tänzerin, Lehrerin, im Satelliten-Unterstützungsteam und in der Entwicklung von Tanzstücken. Im Interview teilt Anne ihre langjährige Erfahrung im Tanz für Alle und inwiefern der erste von ihr geleitete Tanzkurs eine der größten Herausforderungen ihres Lebens war.
Wie bist du zum Tanz gekommen?

Der Tanz ist eigentlich zu mir gekommen. Als Kind habe ich mich schon immer gerne zu Musik bewegt. Mein Bruder und ich sind in einem Gastronomiebetrieb groß geworden, in dem immer etwas los war. Es stand zum Beispiel eine Jukebox herum. Daran hab ich mich als Kind mit meinen beiden Händen festgekrallt und für mich getanzt. In meiner Jugendzeit hat mich mein Bruder mit auf die Tanzfläche genommen. Ganz "normal” und selbstverständlich bin ich am Wochenende in die Disko gegangen und hab im Rollstuhl getanzt. Alle fanden das bewundernswert. Ich aber dachte mir: “Wieso? Ich mach dasselbe wie ihr auch: Ich hab Spass."

Und wie hast du den inklusiven Tanz kennengelernt?

Zum inklusiven Tanz bin ich 2002/2003 durch Maja Hehlen gekommen. Eigentlich war es Zufall, dass ich im Programm der Tuchfabrik Trier gelesen habe, dass Alito Alessi mit seinem Haupttänzer Emery Blackwell ein Stück präsentiert. Da wollte ich natürlich sofort hin. Ich war hin und weg; gerade Emery Blackwell hat mir total imponiert. Er hat infantile Cerebralparese wie ich auch von Geburt an und hat mit seinem Rollstuhl, außerhalb seines Rollstuhls und unterhalb seines Rollstuhls performt - im Solo und zusammen mit Alito Alessi. Der war so beweglich. Das war so schön anzusehen. In diesem Duett wurde der Rollstuhl enttabuisiert wie auch vergegenständlicht. Ich saß in diesem Raum und dachte: “Wow! Das will ich auch machen!” Später gab es einen von Maja geleiteten Austausch mit dem Publikum - sie hatte damals schon DanceAbility nach Trier gebracht. Im Anschluss daran sagte sie: “Wir haben eine offene Tanzgruppe und treffen uns jeden Mittwoch hier in der Tufa. Jeder ist willkommen.” Die Woche drauf war ich da und seitdem kam ich nicht mehr weg.

Du hast später selbst die Ausbildung zur DanceAbility Trainer*in gemacht. Wie kam es dazu?

Über die langjährige Arbeit mit Maja und im Ensemble BewegGrund Trier lernte ich die DanceAbility Methode mehr und mehr kennen. Mir wurde bewusst, dass ich damit etwas "Seriöses" machen wollte und dass dies ein gewisses Ethos und eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. 2010 habe ich die die vierwöchige DanceAbility Ausbildung in Wien bei Alito Alessi gemacht. Diese hat mein Leben komplett über Bord geworfen - im positiven Sinne. Seitdem bin ich fest im Team DanceAbility in Trier. Maßgeblich leite ich Workshops - in Schulen mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen, mit älteren Menschen, mit Demenzpatienten und mit professionellen Tänzern und Tänzerinnen, die nicht unbedingt aus dem inklusiven Bereich kommen.

Die DanceAbility Ausbildung und der Schritt in die Professionalität etwas daran geändert, wie du dich selbst als Tanzpädagogin und Tanzschaffende wahrnimmst?

Nach der vierwöchigen DanceAbility Grundausbildung war ich so angereichert mit Ideen und Wissen; mit wirklich praktischem Wissen, wie wir miteinander in Bewegung kommen und dem Hintergrundwissen zur Methode. Der Erfahrungsschatz von über 20 Jahren war zu diesem Zeitpunkt schon stark in der Ausbildung spürbar. Die Jahre vorher habe ich mich durch das Tanzen im Ensemble schon sehr verändert gespürt im Sinne von Akzeptanz dessen, was mein Körper ist und wie er funktioniert. Da wurden schon einige Meilensteine gesetzt. Nach der Ausbildung fühlte ich mich noch einmal stark verändert. Ich war so mit mir im Reinen und so zufrieden und so überwältigt von der Vielfalt an körperlichen Möglichkeiten. Das hat mich regelrecht von den Beinen gepustet. Das erste, was ich nach der Ausbildung gemacht habe, war mir einen Kurs an einer inklusiven Gesamtschule in Trier mit Kindern im Alter von zehn und elf Jahren zu organisieren. Das war die größte Herausforderung meines Lebens!

Inwiefern?

Ich bin Erzieherin von Beruf und weiß daher schon, was ich tue. Aber in einem künstlerischen Kontext mit Kids zu arbeiten, das war: “Wow!” In dieser inklusiven Gesamtschule war es am Anfang recht schwierig für mich, weil ich immer nur einmal die Woche für knapp zwei Stunden dort war und ich nicht wirklich eine Ansprechperson in der Schule hatte. Ich kam von außen an die Schule und hatte anfangs keinen direkten Bezug zu den Kindern. Der muss sich erst über die Zeit aufbauen. Ich fühlte mich ein bisschen alleine auf weiter Flur. Zumeist ist es so, dass du nur für ein Halbjahr engagiert wirst und danach ist Schluss. Bei dieser Gesamtschule hatte ich Glück, dass mein Kurs verlängert wurde. Im zweiten Halbjahr fing es erst richtig an und man hat gemerkt, dass wir jetzt eine Verbindung haben und anders miteinander arbeiten können ohne zu viel Energie auf das Austesten von Grenzen zu verwenden. In der letzten Unterrichtsstunde haben mir die Kinder eineinhalb Stunden lang Choreografien vorgetanzt und eigene Geschichten erzählt. Ich bin in Tränen ausgebrochen und wusste in diesem Augenblick: “Wir haben etwas geschafft.” Anfangs hat mich aber gerade das Austesten von Grenzen und Autoritäten sehr viel Energie gekostet. Mich strengt es zum Beispiel an, wenn ich laut reden muss, weil mein Körper sich dabei verkrampft. Ich kann nicht einfach aufstehen, laut mit dem Fuss auf den Boden stampfen und sagen: "Jetzt ist mal Ruhe!" Es gab schon den einen oder anderen Moment, in dem ich selber geschluckt und mich gefragt habe, wie ich das gebacken kriege. Ich kann mich an Momente erinnern, an denen ich nach Hause gefahren bin und dachte: “Ich muss mir jetzt Verstärkung holen.”

Du hast erwähnt, dass es schwierig ist, keine direkte Ansprechperson in Institutionen zu haben. Welche Voraussetzungen braucht es deiner Meinung nach, dass inklusive Kurse und Workshops gut funktionieren können?

Was mir zuerst in den Sinn kommt - und was ich an der inklusiven Gesamtschule letztlich auch gemacht habe - ist ein sogenanntes “Satelliten-Unterstützungsteam” einzurichten. So benennen wir das in der DanceAbility Methode.

Was kann ich mir darunter vorstellen?

Ich hole mir die Unterstützung von Menschen, die Teil des tänzerischen Prozesses sind, aber “Brückenbauer” zwischen der leitenden Person und den teilnehmenden Personen. Dabei ist ganz klar, dass die leitende Person in der Verantwortung bleibt aber die Unterstützung von jemanden hat, der Teil des Gesamtprozesses ist. Am besten sind das tanzinteressierte Menschen, die einen guten Blick für Situationen im Raum haben. Mit diesen besprichst du dann vorher, was es zum Beispiel braucht, wenn ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin nicht in den tänzerischen Prozess reinkommt. Sei es, weil sie zu schüchtern ist, abseits sitzt oder nicht recht weiß, ob sie etwas “richtig” oder “falsch”. macht. Als “Satelliten-Unterstützungsteam” behältst du die Person im Auge und ohne etwas zu forcieren lädst du sie zum Tanz ein. Das könnte eine Möglichkeit sein, den Prozess zu erleichtern. Oder jemand sitzt an der Wand. Dann gibt es vielleicht noch eine andere Person, die sich an einem ganz anderen Ort im Raum ebenfalls an die Wand setzt und einfach mal abwartet. Fühlt sich derjenige, der für sich beschlossen hat an der Wand zu sitzen, dadurch aufgefangen kann das auch wieder eine Brücke herstellen.

Und wenn diese Möglichkeit von institutioneller Seite her nicht vorgesehen ist?

Das passiert leider immer wieder. Im ersten Jahr, in dem ich eine Projektwoche an einer Schule in Schwaich für Kinder ohne sogenannte Behinderung und Kinder mit Mehrfachbehinderungen gegeben habe, war beispielsweise keine extra Ansprechperson dabei. Die Erzieher waren sehr beschäftigt mit den Kindern mit Mehrfachbehinderung, sodass ich es nicht fair fand, dass die Kinder ohne Behinderung ein wenig nebenher gelaufen sind. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Ich befürchte mein älterer Bruder ist des öfteren auch ungewollt nebenher gelaufen, da er nicht so viel Aufmerksamkeit bedurfte wie ich. Und das geht nicht. Die Kinder im Workshop waren super lieb, haben aber natürlich auch Grenzen ausgetestet und ihre Späßchen gemacht: “Dürfen wir da über die Mauer springen?” Das habe ich gut aufgelöst. Aber es hätte auch sein können, dass mir einer ausbüchst und auf die Strasse rennt während ich die Verantwortung für die restlichen Kinder trage. Ich kann ja nicht einfach über die Mauer hüpfen. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: “So nicht mehr.” Mittlerweile sag ich ganz klar bevor es zu einem Honorarvertrag kommt, dass ich eine weitere Person brauche. Das mach ich zur Bedingung. Entweder bringe ich selbst jemanden mit oder am liebsten wäre es mir, wenn mich jemand aus dem Haus, aus der Schule, unterstützt und Ansprechpartner für die jungen Menschen ist, die mich nicht kennen. Ich sage im vornherein, dass ich das brauche um den Prozess zu gewährleisten. Es ist auch notwendig, damit sich die Kinder und Jugendlichen wohlfühlen und nicht plötzlich mit einer fremden Person konfrontiert sind, falls emotional etwas hochkommt.

Was schätzt du an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Da ist diese filterlose Ehrlichkeit und das liebe ich an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ich kann damit ziemlich gut umgehen. Bei meiner letzten altersgemischten Tanzklasse in einer Schule in Bitburg haben die Kinder ihre Fragen gestellt, wenn sie diese hatten in Bezug auf mich, meine Person, meine Körperlichkeit, meinen Rollstuhl etc. und irgendwann waren die Fragen geklärt. Das läuft immer sehr natürlich ab; vermutlich aber auch, weil ich von Natur aus jemand bin, der Fragen beantwortet, wenn sie kommen. Unter Umständen formuliere ich sie dann um. Wenn es etwas ist, wo ich zum Beispiel denke: “Nein, ich bin kein “Behindi”! Dann formuliere ich die Frage um und benutze andere Wörter, weil ich denke: “Es gibt andere Bezeichnungen und ihr seid alt genug den Unterschied zu erkennen, wann etwas abwertend ist und wann nicht.” Und dann merkst du an den Reaktionen: “Oh, Entschuldigung!” Und da fängt der Dialog an und das ist toll!

Deine Offenheit erlaubt vermutlich auch eine gegenseitige Offenheit ...

Ich könnte auch nicht anders arbeiten. Wenn ich mich selbst begrenzen müsste in meiner Selbstoffenheit aufgrund von Hierarchien oder Autoritäten, dann würde ich mich selber auch nicht mehr wohl fühlen. Und dann funktioniert das Unterrichten auch nicht mehr gut. Bisher hatte ich immer Glück; selbst mit Lehrern, die am Anfang das Gefühl hatten, ich würde ihre Autorität untergraben. Dann kam es zu einem klärenden Gespräch und im Endeffekt haben sie es immer zu schätzen gewusst, wie ich mit den Kindern umgehe und dass diese fast bedingungsloses Vertrauen zu mir hatten.

Und wie erlebst du die Arbeit mit Erwachsenen im Vergleich zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?Bei Erwachsenen ist oft schon sehr viel mehr Vorgefertigtes implementiert, sei es durch Sozialisierung oder wie auch immer, das du erst einmal durchbrechen musst. Du musst eine gewisse Scheu überwinden oder Grenzen. Das sind Hürden, die bei Kindern nicht da sind. Diese machen erst mal. Erwachsene fragen oft zuerst: “Darf ich mich da in den Rollstuhl setzen? Darf ich damit einfach fahren?” Und ich antworte: “Ja! Ich stell es Ihnen zur Verfügung! Bitte nutzen Sie das! Ich freu mich darüber!” Auch beim miteinander in Kontakt gehen, müssen Erwachsene eventuell Grenzen überwinden, die bei Kindern oft noch nicht da ist. Mit der Pubertät fängt es oft an schwierig zu werden körperlich in Kontakt zu treten. Berührung ist ja etwas sehr persönliches. Daher musst du Berührung bei Kindern und Jugendlichen langsam angehen um zu sehen: Wie ist die Reaktion? Was lassen sie zu? Was möchten sie und was nicht? Bei Erwachsenen ist all dies schon viel gefestigter im Kopf durch eigene Erfahrungen und durch eigenes Erleben.

Spätestens mit der Corona-Pandemie ist der unmittelbar körperliche Kontakt ja ein sehr aufgeladenes und angstbesetztes Thema geworden … wie erlebst du das?

Ich bin regelmäßig zu Gast in einer berufsbildenden Schule in Trier um eine Mischung aus Vortrag und DanceAbility Workshop für zukünftige Erzieherinnen und Erzieher zum Thema infantile Cerebralparese zu geben. Das habe ich von Geburt an. Beim letzten Mal - das war 2019 und noch vor Corona - kam das Thema Berührung und in-Kontakt-gehen auf. Dabei ist mir erschreckend bewusst geworden, welche große Überwindungskraft dies die jungen Menschen gekostet hat. Beispielsweise einfach nur einen Punkt am Körper mit dem Finger zu berühren, über die persönliche Grenze hin zur Oberfläche der Haut. Das ging gar nicht. Ich war so sprachlos. Vor allem auch über Kommentare, die in der Rückmeldung kamen, wie: “Das war mir total unangenehm!” Oder: “Ich lass mich doch nicht von dir anfassen!” Wobei die Übung in diesem Kontext nichts Sexualisiertes hatte. Das hat mich schockiert. Und danach kam Corona und dann hieß es erst recht: Abstand halten. Dabei hab ich an so viele junge Menschen gedacht, die diese Blockade im Kopf sowieso schon haben. Puh! Ich glaube, da müssen wir ganz viel aufarbeiten.

Auf jeden Fall! Vor allem da ich die unmittelbare Berührung als mit das Wertvollste im Feld von Tanz und Bewegung empfinde, die über das Verbale hinausgeht. Da findet so unmittelbar Begegnung statt.

Das sehe ich auch so. Und was es mir aufgezeigt hat, ist, wie viele erwachsene Menschen - unabhängig von der Altersgruppe - sich nicht mehr in der Lage fühlen, sich zu spüren. Und dadurch entsteht oft auch ein Gefühl von unangenehm-Sein von anderen berührt zu werden. Ich habe ja schon ein relativ gutes Gespür für etwas, das im Raum passiert. Und bei dieser exemplarischen Klasse habe ich für mich gedacht: “Als würden diese jungen Menschen neben sich stehen.” Das hat mich so getroffen und ich hoffe, dass sich das ein wenig einpendeln kann. Jetzt, wo wir lernen mit der Pandemie zu leben. Was wäre der Mensch ohne Berührung!

Berührung ist so essentiell und ein so schöner Weg um Berührungsängste abzubauen - im wahrsten Sinne des Wortes.

Das ist das, was mir am DanceAbility Unterricht auch so gefällt. Vor allem bei längeren Workshops gibt es oft Rückmeldungen, wie gut es getan hat. Und auch: "Das man mit einem Rollstuhl so viel tolles machen kann!" Rumps sind da Bläschen geplatzt, wo du normalerweise unglaublich viel erläutern und erklären musst. Das gehört auch dazu und ist wichtig. Aber oft ist es im gemeinsamen Erleben, wo es plötzlich “plopp” macht überall. Und dafür bin ich so dankbar.

Im öffentlichen Diskurs wird ja momentan viel - und teils sehr emotional aufgeladen - darüber verhandelt, wie wir mit Sprache umgehen wollen oder sollen. Stichwort #cancelculture. Auf eurer Website bezeichnet ihr DanceAbility als “Tanz für Alle” ohne explizit auf Menschen mit und ohne Behinderung zu verweisen. Welcher Gedanke steckt dahinter?

Wenn ich mit Menschen im Gespräch bin, die DanceAbility noch nicht kennen oder erfahren haben, sag ich meistens “Tanz für Alle”; “Alle” großgeschrieben. Das kommt tatsächlich aus meiner Feder. Der Begriff leitet sich ein wenig von “Design for All”, “Access for All” etc. ab. Das bedarf heutzutage wenig Erklärung. Für mich ist dadurch klar, dass jeder Mensch willkommen ist. Einziges Ausschlusskriterium ist, dass jemand sich selbst oder die Gruppe gefährdet. Diese Form der Exklusion aus Sicherheitsgründen hatten wir aber tatsächlich noch nie. “Für alle Menschen in jeglicher Kombination von Menschen” finde ich eine schöne Zusatzerklärung, weil wir alle so verschieden sind und doch gleich. Das beschreibt das gemeinschaftliche Erleben und wir sagen ja auch gerne “the art of being together” - die Kunst des Zusammen-Seins. Genau genommen gibt es mehrere Definitionen von DanceAbility, je nachdem wie das Gespräch verläuft erläutere ich dann die eine mehr oder die andere. Am griffigsten finde ich aber noch den “Tanz für Alle”.

Darin bedarf es dann auch gar nicht mehr die Einteilung in Kategorien von Menschen mit und ohne Behinderung ... Das finde ich sehr wichtig. Anfang der 2000er Jahre haben wir noch viel mehr differenzieren müssen um den Menschen diese Schranke zu öffnen. Nach meinem Gefühl braucht es dies heute weniger. Und das tut persönlich gut, weil ich dann denke: “Wir sind doch schon einen Schritt weitergegangen und gekommen.” Als ich anfing mit Maja Konzepte zu schreiben, haben wir noch “Menschen mit und ohne Behinderung” als zusätzliche Erklärung genutzt. Diese fällt mehr und mehr weg. An deren Stelle ist die “Kombination von Menschen” getreten; vor allem, da es in der heutigen Zeit immer wichtiger wird die Kombination von Menschen zu bedenken. Das hat auch seine absolute Berechtigung und Bewandtnis. Wir haben so viele verschiedene Identitäten. Ich verwende zum Beispiel gerne den Begriff “Mensch” ohne die Kategorisierung “Mann”, “Frau” oder “divers”. Ich habe dieses Vokabular noch nicht ganz verinnerlicht, aber ich versuche es mir zur Angewohnheit zu machen und in meiner Sprache möglichst alle zu umschließen. Das gelingt natürlich nicht immer.

Wie vieles andere auch ist der Sprachgebrauch ja eine Praxis, die ständige Wiederholung und Übung bedarf. Und dabei sehe ich mich selbst inmitten eines Prozesses ...

Ich befinde mich da auch mitten drin. Und ich versuche gleichzeitig darauf zu achten, dass es nicht zu verkrampft wird, dass dieser natürliche Fluss im Gespräch nicht gebrochen wird. Das ist glaub ich auch Teil dieser ganzen verkorksten komischen Diskussion “da draußen” über den Sprachgebrauch. Und wenn ich letzten Endes doch einen falschen Begriff verwendet habe, entschuldige ich mich. Und wenn es mir bewusst gemacht wird, danke ich dafür. Meine Intention ist natürlich die richtigen Begrifflichkeiten zu verwenden; allerdings ohne einen Knoten in der Hirnmasse zu bekommen, weil ich überlege, wie ich das jetzt bezeichne. Das ist der Prozess und dabei ist das flüssig-Bleiben im gemeinsamen Austausch und in der Kommunikation immer noch mein oberstes Streben.

Wie gehst du damit um, wenn jemand dir gegenüber diskriminierende Sprache in Bezug auf Behinderung verwendet?

Ich hör mir das an und verbessere es auch nicht. Im nächsten Satz nehme ich es wieder auf und sag es dann so, wie ich es als richtig gelernt habe ohne mein Gegenüber bloßzustellen - ich bin ja Halbfranzösin und Deutsch ist noch immer eine Fremdsprache für mich. Ich greife es auf und verwende einen anderen Begriff dafür. So bleibt die Kommunikation am Laufen und keiner fühlt sich komisch und dann macht es Spass. Du engagierst dich schon seit vielen Jahren auf und hinter der Bühne beim Ensemble BewegGrund Trier. Möchtest du ein wenig von eurer Arbeitsweise erzählen?

Wir treffen uns in der Regel jeden Mittwoch für eineinhalb bis zwei Stunden, je nachdem wie nahe wir in Richtung Premiere rücken. Am Anfang steht immer eine Idee. Irgendwo im Äther brodelt oft schon ein Thema oder ein Titel für ein Stück. Da kommt es schonmal vor, dass jemand zur Probe kommt und sagt: "Ich hab das auf dem Sperrmüll gefunden. Das hat mich an etwas erinnert." Und dann werden Geschichten tänzerisch erzählt. Es sind oft spontane Ideen, die aus dem Alltag gegriffen sind. Für unser aktuelles Stück arbeiten wir zum Beispiel an Sperrmüllgeschichten. Wichtig sind auch die DanceAbility Übungen, die wir in den Proben aufgreifen und weiterentwickeln. So entsteht das Material, welches wir auf Fotos festhalten oder filmen, sodass wir anschließend daran weiterarbeiten können. Der rote Faden wird immer weiter gesponnen und manche Sachen fallen auch weg. Unsere Arbeit basiert ja auf Improvisation. Oder es entsteht völlig neues Material. So wird das Material immer konkreter, bis es dann irgendwann gesetzt wird.

Und wie genau trefft ihr im Ensemble dann künstlerische Entscheidungen für die Stückentwicklung?

Zumindest am Anfang ist es wirklich ein gemeinsamer Prozess des Austauschens und Ausprobierens. Oft teilen wir die Gruppe in Zuschauer und Tanzende und jeder und jede macht sich Notizen oder behält sich etwas im Hinterkopf - je nachdem wie es eben möglich ist. Daran arbeiten wir dann weiter. Aktuell ist das Ensemble in vier gleich große Gruppen geteilt mit jeweils einer Person, die die Choreografie leitet. Das Ganze wird sozusagen vom großen Ensemble auf kleine Ensembles übertragen. In jeder Gruppe gibt es jemanden, der den Prozess im Blick behält, sich Gedanken macht, Sachen aufschreibt, das eine oder andere wieder verwirft usw. So entstehen einzelne Teile, die später im Prozess mehr und mehr konkretisiert werden. Und je konkreter das Stück werden soll, desto konkreter wird das Aneinanderreihen der einzelnen Geschichten - geleitet von der Frage: was erzählt die Geschichte von Anfang bis zum Ende. Wie auch immer der Anfang oder das Ende aussieht, vielleicht geht es auch mal quer, vielleicht geht es auch mal rund. Im großen und ganzen ist es immer ein gemeinschaftlicher Prozess, bei dem wir manchmal auch ein bisschen aushandeln, weil wir ja auch ganz unterschiedliche Erfahrungswerte haben. Der harte Kern ist mittlerweile schon seit mindestens zehn Jahren im Ensemble. Da steckt wirklich ein großer Erfahrungsschatz dahinter.

Wie lange arbeitet ihr in der Regel an einem Stück?Im Vergleich zu anderen Arbeitsweisen ist es immer ein arbeitsintensiver, langer Prozess. In der Regel arbeiten wir ein Jahr bis eineinhalb Jahre an einem Stück, da wir auch immer mit Videoprojektion im Hintergrund arbeiten. Das ist ein tragendes zugehöriges Element zu den Stücken, die wir bisher gemacht haben. Manchmal arbeiten wir aber auch mit Musik oder Erzählung, wie bei “gig’n’go unlocked”.

Im Ensemble habt ihr den choreografischen Ansatz entwickelt, dass jede*r jede Rolle tanzen kann. Wie kam es dazu?

Es war letztlich eine kreative, aber auch praktische Entscheidung. 2014/2015 fing es an, dass das Ensemble auch außerhalb Triers Engagements hatte: in Rheinland Pfalz, Luxemburg und weiter weg in England und Italien. Dabei haben wir gemerkt, dass nicht jeder und jede im Ensemble reisen möchte oder kann - aus welchem Grund auch immer. Daraufhin kam der Gedanke: “Eigentlich könnte Person A oder B die Rolle übernehmen.” Die Idee, dass jede Rolle von jedem Ensemblemitglied getanzt werden kann, wurde daraufhin immer konkreter und wir haben sie über die Jahre konzeptuell ausgeweitet.

Kannst du ein Beispiel dazu nennen?

2017 hatten wir ein Engagement im Süden von Luxemburg mit einem Auszug aus unserem damals aktuellen Stück. Das beschrieb ein Solo von einem unserer Tänzer, der physisch sehr präsent ist: ein großer Mann, korpulent und mit starker Bühnenpräsenz. Da er nicht mitreisen konnte, hat Maja mich gefragt, ob ich diese Rolle übernehmen möchte. Für mich war das eine große Ehre, diesen Mann in dieser Rolle zu vertreten. Diese Intention mit auf die Bühne zu nehmen hat etwas in mir verändert. Ich hatte das Gefühl: “Der Mensch ist dabei!” 2018 hatten wir eine Vorstellung bei einem kleinen internationalen Festival, wo wir eine Kurzfassung von einem abendfüllenden Bühnenstück gezeigt haben. Das haben wir an zwei verschiedenen Tagen in unterschiedlicher Besetzung aufgeführt. Jeder und jede von uns hatte sozusagen ein “Double”. Mir wurde dabei bewusst, wie toll es ist zu sehen, was das für eine Rolle ist. Wenn du selbst die Rolle verkörperst, hast du einen ganz anderen Blickwinkel auf das, was du tust. Du siehst es nicht von außen und dir entgeht vieles. Und plötzlich hast du die Chance zu sehen, was sie zur Geschichte beiträgt und wie sie diese vervielfältigt und vervollständigt. Das war großartig und beruht auch wieder auf dem Prinzip der Interpretation.

Kannst du näher erläutern, was du mit dem Prinzip der Interpretation meinst? Die Interpretation ist eines der tragenden Elemente in der Methode DanceAbility. Das heißt, dass es die Imitation per se nicht gibt. Es gibt immer nur die Interpretation. In der Interpretation nehm ich die Intention mit - also das, was ich beabsichtige mit der Rolle, mit der Bewegung oder mit dem Bewegungsablauf, aber ich kopiere es nicht. Weil, wir sind keine Kopien. Wir sind alle einzigartig. Darauf basiert auch der choreografische Ansatz, jeder Mensch kann jeden vertreten auf der Bühne.

Super spannend! Einerseits kommt dieser Ansatz den Lebensrealitäten von Tänzer*innen so viel näher. Es kommt ja immer wieder vor, dass jemand aus einer fixen Besetzung - aus welchen Gründen auch immer - zur Aufführung nicht anwesend sein kann. Andererseits ist der Tanz per se eine so flüchtige Kunstform, die immer an die Gegenwart gekoppelt und von unzähligen Faktoren abhängig ist: Wie war mein Tag? Wie ist das Wetter? Wer sitzt im Publikum? Wie habe ich geschlafen? etc. Ein und dasselbe Stück kann daher sowieso nie reproduziert werden.

Absolut. Mit jeder Aufführung entdeckt mensch immer etwas Neues. Gerade weil bei uns das Element der Interpretation und nicht der Imitation so groß geschrieben wird. Weil es genau wie du sagst, diese Lebensrealität hergibt. “Da bin ich verkauft” - würde ich jetzt in meinem Sprachgebrauch sagen. Ich kann nun mal - auch wenn ich noch so sehr wollte - deine Bewegung nicht imitieren. Wenn du eine Bewegung machst kann ich sie nur so aufnehmen wie ich sie mit meiner Körpersprache ausdrücken kann. Anders würde ich das selbst als Fußgängerin nicht können. Dieses Element der Interpretation machte mir sehr schnell bewusst, dass es dieses “richtig” und “falsch” einfach nicht gibt. Und das bräuchte es in so vielen Bereichen des Lebens. Man sagt. Es nimmt so viel Druck weg.

Und kreiert gleichzeitig neue Möglichkeiten ...

Genau! Es nimmt den Druck weg, irgendetwas falsch zu machen und macht neue Möglichkeiten auf. Und das ist das, was ich so toll finde.

Wenn ich dir zuhöre, wirkt es für mich als würden die Prinzipien der Methode DanceAbility nicht nur in dein künstlerisches Tun, sondern auch in andere Lebensbereiche hinein wirken. Wie ist deine Erfahrung dazu?

Das Tanzen hat mir soviel mehr im Leben gegeben. Es hat soviel mehr aus mir gemacht, soviel mehr aus mir herausgeholt. Deswegen versuche ich achtsam auf diese Prinzipien zu schauen. Ich möchte sie auch außerhalb des Tanzkontexts transportieren. Das ist für mich eine Art Philosophie - ich bin natürlich sehr DanceAbility geprägt - die auch allgemein im Tanz Kontext gilt: Wenn du nicht achtsam mit dir selbst bist und mit dem, was um dich herum, im Raum und mit deinem Gegenüber passiert, wenn du das nicht verkörperst, dann funktioniert es auch nicht. Das ist etwas, was den Menschen so gut tut. Wenn sie an einem Workshop oder einem Kurs teilnehmen merken sie: “Aha! Es geht nicht nur um diesen bestimmten Raum hier, das Tanzen, sondern man kann das tatsächlich nach außen tragen und es macht auch was mit der Welt da draußen!” Ja, das wünsche ich mir, dass wir noch viel mehr vom Studio nach außen transportieren können.

Gibt es noch etwas, dass du gerne ergänzen möchtest?

Vorhin hast du erzählt, dass Wut ein legitimes Gefühl ist, welches Energie freisetzt und Dinge vorantreibt. Ich hab mich mega darin erkannt in meiner Sozialisierung selten Wut zu zeigen. Früher bin ich öfters mal “ausgetitscht”, weil mein Bruder mich geärgert hat und ich nicht hinterher rennen konnte. Und irgendwann hab ich dann tatsächlich so einen “Austitscher” gehabt, bei dem ich fast jemanden verletzt hätte und seitdem bin ich immer sehr diplomatisch und zurückhaltend und immer am gucken: Wo kommts her? Was macht es mit mir und wo geht es hin? Ich kann heute nicht mehr streiten. Ich kann nicht mehr wirklich wütend werden. Ab und zu schonmal, aber ich kann mir nicht mehr so richtig Luft machen. Und das, obwohl ich finde, dass Wut ein gefühl ist, dass seinen Platz haben sollte. Das hat ja dann auch wirklich “Schmackes”. Eine kultivierte Wut ist unglaublich wichtig. Ich bin so groß geworden, dass mir von allen Seiten - niemals böse gemeint und niemals böswillig - suggeriert wurde, ich mache Umstände aufgrund meiner Einschränkung. Das hat sich so dermaßen in mein Hirn eingefressen, dass ich mittlerweile selbst so auf mich achten muss mich nicht selbst zurückzunehmen auf die Befürchtung hin, ich würde Umstände machen. Das macht mich dann manchmal sehr wütend, aber so innerlich. Ich hab schon recht früh angefangen zu schreiben, Djembe und Tambuca zu spielen und versucht künstlerisch zu kanalisieren, was da so abgeht. Es wird von jedem so ein Zivilgehorsam erwartet und still zu sein und das andere hat keinen Platz. Aber jedes Gefühl sollte seinen Platz haben und man muss einfach nur gucken: Wo kommt es her und was kann ich damit machen?

Wut hat eben dieses Potential Veränderung in Gang zu setzen. In meiner Sozialisation habe ich die Erfahrung gemacht, als Kind oder Jugendliche oftmals zu weinen, wenn ich eigentlich wütend war. Das ist sozial anerkannt und mensch bekommt positive Aufmerksamkeit. Als Mädchen gelesenes Kind hingegen wütend zu sein oder laut herumzuschreien - was natürlich nicht die beste Art ist mit Wut umzugehen - war weitaus schwieriger. Das passiert mir genauso. Ich bin wütend und finde keinen Kanal, wo ich dieses Gefühl rauslassen kann. Ich bin jetzt auch niemand, der etwas durch die Gegend schmeißt oder so. Aber selbst das würde auch mal gut tun. Da baut sich sowas auf und du fängst an zu weinen und denkst dir dann: eigentlich bin ich wütend. Ich bin nicht traurig. Manchmal vermischt sich das auch.

Das war für mich eine Aha-Moment, als ich verstanden habe, eigentlich geht es um etwas anderes. In der Wut kann ich Grenzen klarstellen und behaupten.

Und die Wut gibt auch so einen Antrieb! Ja!

Diversität im Tanz bedeutet für mich ...
Ganzheit
Allyship bedeutet für mich ...
Komplize im Sinne von “complicité” (französisch) gemeinsam. Nicht alleine dazustehen.
Zusammenarbeit bedeutet für mich ...
Unterstützung
Barrierefreiheit bedeutet für mich …
Mein Leben
Behinderung bedeutet für mich ...
Relativität
Nicht-Behinderung bedeutet für mich …
Da würde ich nochmal sagen: Relativität















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Interview: Sabrina Huth
Illustration: Xueh Magrini Troll